
Heute am 2. Weihnachtsfeiertag mache ich Hackbraten. Mir ging es gestern und vorgestern gut, denn ich wurde bekocht. Aber jetzt bin ich dran.
Der Hackbraten hat ja in diesem Jahr ein eher schlechtes Image bekommen. Einmal wurde er immer wieder missbraucht, um gegen die angebliche Dominanz des woken Lebensstils zu wettern („Lieber Hackbraten als Spinat-Smoothie“). Da ja rechte Medien mich Mitte des Jahres als Beispiel für „die Endmoräne woken und progressiven Lebens“ (Quelle: Nius) beschimpft haben, könnte es eine Meldung sein, dass ich Hackbraten mag und mache.
Und dann hat es dem Image des Hackbratens natürlich geschadet, dass er das Lieblingsessen von Donald Trump ist. Wobei die Mar-a-Lago-Variante – ja, so heißt die wirklich – mit einer Kruste aus Ketchup und braunem Zucker nicht zu meinem Repertoire gehört.
Ich mache ihn sehr klassisch und streng nach Rezept. Das ist übrigens eines der Dinge, die ich am Hackbraten-Machen liebe. Ich bin ein leidenschaftlicher und kreativer Koch. Ich probiere gerne aus. Ändere Gewürze, Öle, Zutaten. Aber nicht so beim Hackbraten. Da ist Kochen wirklich Chemie. Denn wenn man irgendetwas ändert, funktioniert die Mischung aus Festigkeit und Saftigkeit nicht mehr. Ein trockener Hackbraten? Schlimm. Ein Hackbraten, der auseinanderfällt? Noch schlimmer.
Also gilt: Daniel, halt Dich an das Rezept! Das hier ist Chemie!
Wenn ich so drüber nachdenke, dann ist das eigentlich bei mir in der Küche wie auch in anderen Situationen im Leben. Man hat Lust auf Veränderung, will Neues entdecken und versuchen. Aber manche Dinge sollen auch konstant und immer gleichbleiben. Oder man weiß genau wie es gelingt und will darum auch nicht vom bisherigen Erfolgsrezept (was für ein wunderschönes Wort) abweichen.
Nur im Gegensatz zur Küche haben wir das nicht immer so im Griff, wo es Veränderungen gibt und wo nicht. Und das macht uns Angst oder Stress. Gerade für Politiker*innen ist das eine Herausforderung: es stehen große Veränderungen an. Unser Industriestandort Baden-Württemberg muss wieder mit der technologischen Entwicklung mithalten können. Die Zeitenwende nach dem Überall Moskaus auf die Ukraine und die Wegorientierung der USA von Europa schafft neue Anforderungen. Wir müssen umdenken, um den Klimawandel zu stoppen. Und das sind nur drei Beispiele.
Nur wenn wir diese Veränderungen als Demokrat*innen offen diskutieren, können wir für uns entscheiden, wie wir leben wollen, wohin wir wollen und welchen Weg wir gehen. Wenn sich aber Politik, Wirtschaft und Gesellschaft nicht trauen über die notwendigen Veränderungen zu sprechen, weil einem dann nur Angst und Stress entgegenschlägt, können wir diese Stärke unserer Demokratie nicht nutzen.
Das ist ein Dilemma. Und dann habe ich in der Hektik der Weihnachtseinkäufe einen Gedankenblitz bekommen, wie wir dieses Dilemma vielleicht ein Stück weit auflösen können.
Also ich bin nach meinen Einkäufen raus und einer der anderen Kunden stürzt mir – seinen Platz in der Schlange aufgebend – hinterher und sagt: „Herr Born, wie gut, dass ich Sie in diesem Jahr noch sehe. Ich wollte Ihnen sagen: Sie haben unser Vertrauen!“
Und mir ist in diesem Moment zum ersten Mal gekommen, was das für ein großes Wort ist. Ganz ehrlich: In der Politik schreiben wir das in jeden Flyer, jeden Bewerbungsbrief an die Basis und jedes Homepage-Grußwort rein. Vertrauen! Ich bitte um Ihr Vertrauen. Mir könnt ihr weiter vertrauen. Ihr Vertrauen ist mein Auftrag …
Vertrauen können wir schenken, haben, genießen, verlieren, wiedergewinnen, aussprechen. Man kann Vertrauen sogar vorschießen.
Was wäre eigentlich, wenn wir all die Veränderungen, die notwendig sind und kommen, miteinander diskutieren und dabei einmal von der Prämisse ausgehen, dass wir uns lieber vertrauen als misstrauen wollen?
Dass wir dem anderen vertrauen, dass er auch will, dass es gut weitergeht. Dass wir unserer Demokratie vertrauen, dass wir am Schluss gemeinsam die besten Wege finden. Dass auch uns Politiker*innen der demokratischen Parteien wieder vertraut wird, dass wir wollen, dass es den Menschen im Land gut geht. Es gibt nur eine Partei, die in ihren Strategiepapieren sagt, dass es ihr besser geht, wenn es dem Land schlecht geht: das ist die rechtsextreme AfD. Ihr darf man keinerlei Vertrauen schenken.
Und was wäre vor allem, wenn wir uns selbst wieder mehr vertrauen. Darauf vertrauen, dass wir das schon schaffen und auch in einer veränderten Welt den Unterschied machen können?
Ich habe versucht meine Gedanken über Veränderungen auch in meinen diesjährigen Silvester-Post zu fassen. Dieser wird erst am 30.12. auf Social Media veröffentlicht – aber hier schon einmal vorab der Text:
„Ich erhalte Briefe. Viele Briefe.
Von Menschen, die spüren, dass sich etwas verschiebt. Die merken, dass ein Kapitel zu Ende geht und dass das nächste noch keinen Titel trägt. Briefe voller Fragen, Zweifel, Hoffnung. Briefe von Menschen mitten im Leben.
Veränderung gehört zum Leben. Wir sagen das oft so leicht, als wäre es eine Floskel. Doch in Wahrheit ist Veränderung ein mutiger Schritt ins Ungewisse. Sie fordert uns heraus, sie verunsichert und sie eröffnet Möglichkeiten. Denn nichts von dem, was wir erlebt haben, ist Ballast. Jede Erfahrung ist Kraftstoff. Alles, was war, hat uns vorbereitet auf das, was kommt.
Gerade in Zeiten, in denen Unsicherheit wächst und unsere Demokratie unter Druck gerät, dürfen wir nicht wanken in dem, wofür wir stehen. Stabil in unseren Werten. Offen in unseren Gedanken. Mutig in unseren Entscheidungen. Neugierig auf neue Wege, auch wenn sie noch nicht ausgeleuchtet sind.
Unsere Reise ist nicht vorbei. Sie geht weiter – hin zu mehr Demokratie. Mehr Freiheit. Mehr Inklusion. Mehr Vielfalt.
Nicht leise. Nicht ängstlich.
Sondern unerschrocken. Mit Freude. Mit Lust auf Zukunft.“
Foto der Woche
Seit ein paar Jahren darf ich bei den Abrahams mithelfen den Baum zu dekorieren. Oder um es genauer zu sagen: Ich darf unserem Patenkind als „lebende Hebebühne“ dabei assistieren, den Baum zu dekorieren.
