
In dieser Woche haben wir Haushaltsberatungen im Landtag. Für mich als stellvertretenden Präsidenten bedeutet dies Sitzungsleitungen bis spät in den Abend. Ich habe mal bei einer Rede – damals habe ich die Grundschulen als Herzkammer unserer Demokratie bezeichnet – gesagt: „Politische Ämter hat man immer auf Zeit. Vieles im Leben ist man auf Zeit. Aber Sohn einer Grundschullehrerin, das ist man ein Leben lang.“
Das prägt einen. Unsere Grundschulen sind wunderbare Orte. Erfahrungen in der Grundschule können einem Rückenwind für ein ganzes Leben geben. Unsere Grundschulen stehen vor großen Herausforderungen. Längst ist bekannt, was unsere Grundschulen brauchen, um diese Herausforderungen bestehen zu können. Nur eine Forderung: Endlich ein verbindliches und gebührenfreies letztes Kita-Jahr. Oder mehr Mittel für Sprach- und Leseförderung. Oder eine bessere Ausstattung für den Ganztag.
Aber womit antwortet die Landesregierung? Mit einem weiteren Test. Das hilft zwar den Grundschulen nicht – es schafft nur mehr Stress und mehr Bürokratie – aber, so das Denken von Grün und Schwarz, zumindest sorgt es dafür, dass die Gymnasien nicht die Schüler*innen erhalten, die sie nicht wollen.
Nun ist dieser Test unter dem Namen Kompass 4 krachend gescheitert. Faktisch wurde mit der überstürzten und unausgereiften Einführung von Kompass 4 noch mehr Ungerechtigkeit in unserem Bildungssystem geschaffen. Das zeigt auch die Umfrage der GEW. Wenn zwei Drittel der befragten Lehrkräfte der Meinung sind, dass Kompass 4 in Bezug auf die Grundschulempfehlung wenig bringt oder gar überflüssig ist, zeigt das die ganze Absurdität dieser schlecht vorbereiteten Leistungsmessung.
An den Grundschulen sollte es nicht darum gehen, Kinder zu demotivieren und auszusortieren, sondern zu stärken. Wir brauchen kein Grundschulabitur, sondern mehr Förderung. Denn es ist ein Irrglaube, dass die Frage nach der Verbindlichkeit der Grundschulempfehlung die Probleme in unserem Bildungssystem löst.
Die Lehrkräfte kritisieren in der Umfrage auch, dass Eltern nicht rechtzeitig über Kompass 4 informiert werden konnten (44 Prozent) und die Unterlagen zu spät zur Verfügung standen (68 Prozent). Viele Eltern berichten vom hohen Zeitdruck bei den Tests, die im November stattfanden.
Bin ich für Tests und Lernstandskontrollen? Eindeutig ja. Das gehört in unserer Leistungsgesellschaft eindeutig dazu. Und es gibt auch keine Chancengerechtigkeit im Blindflug.
Aber: Unsere Kinder in den Grundschulen haben es verdient, dass wir für sie die besten und aufschlussreichsten Erhebungen der Welt organisieren. Und nicht derart hektisch ein „Kompass 4“ aufgelegt wird.
Unsere Demokratie hat keinen zweiten so großartigen Ort wie die Grundschule. Wir müssen sie vor solchen Maßnahmen schützen.
Foto der Woche
Gerne habe ich unserem regionalen Fernsehen ein Interview gegeben.
